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Stricken ist mehr als Socken, Pullover oder Schals produzieren. Diese sind gleichsam nur das Nebenprodukt.
Denn eigentlich gilt beim Stricken: Der Weg ist das Ziel.
Stricken ist meditative Entspannung. Die Bewegungen, mit denen die Maschen erzeugt werden, sind gleichförmig. Nach einer Weile stricken wir "wie im Schlaf". Das heißt, wir schicken unser Großhirn schlafen und lassen unsere unbewussten Gedanken fließen - wie im Traum oder in der Meditation. Ein klingelndes Telefon "reißt" uns aus dieser Stimmung heraus wie am Morgen der Wecker.
Stricken ist ein wirksamer Vorbehalt gegen viele Unbillen des Lebens. An den gekreuzten Nadeln prallt so manches ab - nicht nur ein Vampir! Unser Strickzeug wirkt wie eine Barriere, die uns schützt, die wir aber jederzeit übersteigen können. Dieser Effekt ist es wohl, der bei Lehrern und Professoren Unbehagen angesichts strickender SchülerInnen und StudentInnen auslöst: Sie sind nicht vorbehaltlos offen für ihre Worte!
Stricken verleiht Gefühlen und Gedanken Gestalt. Wer beim Griff nach einem Strickzeug, an dem er am Abend vorher während eines beklemmenden Films gearbeitet hat, wieder die Gefühle vom Vorabend erlebt, kennt die Kehrseite der Medaille. Und ein Pullover, der während einer Beziehungskrise entstand, wird nur selten ein Lieblingsstück. Andererseits: Wir können in Gestricktes Gefühle - die Liebe zum Empfänger, die Entspannung eines freien Tages, die Freude am Muster - hineinstricken. Auch ohne eines jener Muster zu verwenden, die die Botschaft ganz deutlich tragen wie "Offene Liebe" (Bild folgt).
Stricken ist für jeden Menschen eine Bereicherung. Wer stricken kann, hat es in der Hand, jederzeit und überall um sich herum eine Insel aus Sicherheit, Ruhe und Entspannung aufzubauen, in der er manuell oder geistig kreativ sein kann.
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